ARD Monitor zu Wikipedia – Die ganze Wahrheit

Am Donnerstag den 30. Januar 2014 war ich im ARD-Magazin Monitor zum Thema Inside Wikipedia: Angriff der PR-Industrie zu sehen. Dabei ist eine ganze Menge an Fakten durcheinandergeraten, so dass ein sehr falscher Eindruck entstanden ist. Sowohl die Gesamtsituation, als auch meine Person wurden nicht korrekt dargestellt. Diese Fehler möchte ich an dieser Stelle korrigieren.

Im ARD Magazin Monitor wurde Malte Landwehr fälschlicherweise als PR-Berater bezeichnet.

Die Monitor-Sendung kann in der ARD Mediathek aufgerufen werden. Alternativ gibt es auch ein YouTube-Video.




Was macht Malte Landwehr wirklich?

Korrekt ist, dass ich bis Mitte 2014 Wikipedia-Dienstleistungen angeboten habe. Diese lassen sich in drei Kategorien unterteilen:

  1. Eine Website als Quellen-Link unterbringen
  2. Einen Artikel zu einer Firma anlegen
  3. Technische Beratung(!) zur manipulativem Vorgehen

Dabei entfielen 90% auf die ersten beiden Kategorien.

1. Quellen

Der Wunsch, die eigene Website als Quelle in der Wikipedia verlinkt zu sehen, rührt von der Theorie her, dass Google diese Website dann besser bewertet und in Suchergebnissen weiter oben listet. Der zentrale Aspekt dieser Tätigkeit ist die Schaffung von Inhalten, die es auch wert sind, als Quelle genutzt zu werden. Das heißt ich versuche gar nicht erst, die Produkt-Seite eines Onlineshops in einem Wikipedia-Artikel zu verstecken sondern veranlasse das Erstellen hochwertiger Inhalte und erweitere Wikipedia-Artikel um relevante Fakten. In den meisten Fällen werden diese Erweiterungen inklusive der Quelle von anderen Mitgliedern der Wikipedia-Community gesichtet und für gut befunden.

Für diese Tätigkeit wechsle ich regelmäßig das Wikipedia-Konto. Denn sonst wäre folgendes Szenario denkbar: Ein Kunde brüstet sich öffentlich mit dem Ergebnis; ein Wikipedia-Nutzer findet das nicht cool und löscht den Link, auch wenn er inhaltlich gut ist. Daraufhin geht dieser Nutzer einen Schritt weiter und schaut sich alle Editierungen des entsprechenden Wikipedia-Accounts an und löscht diese ebenfalls. Solche Fälle gibt es leider und solches Verhalten zwingt mich, zum Wohle meiner Kunden, in die Anonymität.

2. Firmeneinträge

Der zweite Fall ist noch klarer. Ein eigener Wikipedia-Eintrag ist für jede Firma erstrebenswert. Dafür gibt es klare Relevanzkriterien (1.000 Mitarbeiter oder 100 Millionen Euro Jahresumsatz oder 20 Betriebsstätten oder börsennotiert zu sein). Ihr werdet lachen aber 99% aller Anfragenden wissen von diesen Kriterien nichts und müssen darüber aufgeklärt werden. Die Informationen gibt es zwar in der Wikipedia aber die Wikimedia macht hier einen sehr schlechten Job, Unerfahrene aufzuklären. Ein vielbeschäftigter Geschäftsführer, der einen solchen Eintrag wünscht, klickt sich nicht durch hunderte von Seiten an Dokumentation. Solange die Wikipedia nicht in der Lage ist, nicht-internetaffine Menschen mit guter Usability und Auffindbarkeit zu erklären, wie die Regeln in diesem Fall lauten, wird es Menschen wie mich geben, die unter anderem dafür bezahlt werden, die Wikipedia-Richtlinien zu erklären. Wenn ein Anfragender diese Relevanzkriterien erfüllt, erstelle ich den Artikel und belege die Relevanz mit Quellen. Genau wie bei den Links hat das für mich nichts mit Manipulation zu tun.

Manchmal erfüllt eine Firma die harten Relevanzkriterien nicht. Dann muss man über die weichen Kriterien (Marktführer, Vorreiterrolle, usw.) argumentieren. Das mache ich sehr ungern aber wenn bereits ein oder zwei Mitbewerber auf diesem Wege in der Wikipedia gelandet sind, warum dann nicht auch mein Kunde? Dann wird eben mal aus einer unbedeutenden Patentanmeldung ein Beleg für die technologische Vorreiterrolle gemacht. Auch hier liegt keine inhaltliche Manipulation vor. Es wird lediglich der Begriff der Relevanz gedehnt.

3. Anleitung zur Manipulation

Der dritte Fall sind inhaltliche Veränderungen. Wie ich in Monitor deutlich sage, war ich an solchen Projekten beteiligt. Die entscheidenden Worte sind war und beteiligt. Ich habe zwei PR-Agenturen mehrfach beraten, wie man sich anonym im Internet bewegt und wie man mit wenig Arbeit Teil der Wikipedia-Community wird, ohne aufzufallen. Das klingt simpel aber echte Anonymität ist deutlich mehr als ein IP-Wechsel und dieses Teilwerden der Community darf nicht zu viel Zeit kosten. Beide Agenturen waren damit erfolgreich und haben mehrere Artikel verändert. Die Formulierung wir habe ich gewählt weil es die einzige Möglichkeit war, die Frage des Journalisten in der gewünschten Kürze zu beantworten.

Der ein oder andere mag mich dafür verurteilen, dem Teufel geholfen zu haben. Allerdings ist freies Wissen einer der Grundpfeiler der Wikipedia. Und wenn ich sowohl PR-Agenturen, als auch die Öffentlichkeit über die Möglichkeiten zur Unterwanderung der Wikipedia aufkläre, sehe ich darin kein moralisches Problem.

Neben diesen Tätigkeiten beobachte ich die Wikipedia regelmäßig. So habe ich zum Beispiel Anfang 2008 über eine Reihe von Manipulationen im Umfeld von DAX-Konzernen gebloggt.

Interview & Ausstrahlung

Perspektive

Im Interview sollte es um mein Insiderwissen dazu gehen, wie PR-Agenturen in der Wikipedia vorgehen. Wer auf die Fragen und meine Antworten achtet, merkt an der Wortwahl deutlich, dass ich nicht von mir spreche . Zum Beispiel zum Zeitpunkt 03:16 (Version aus der ARD Mediathek) sage ich ganze klar "es gibt viele professionelle Anbieter…". Später spreche ich von "man".

Zum Abschluss soll ich mich moralisch rechtfertigen. Ich bin von der Frage sichtlich irritiert weil es bis zu diesem Zeitpunkt um Aufklärung ging und auf einmal eine nicht-gerechtfertigte Anschuldigung kommt.

Dann werde ich noch als PR-Autor, PR-Berater und bezahlter Schreiber bezeichnet. Das ist absoluter Quatsch und war nicht abgesprochen.

Dramatisierung

Neben der Darstellung meiner Person, ist auch die Darstellung der Gesamtsituation nicht korrekt. Ich sage im Beitrag, dass die Wikipedia im Kampf mit den professionellen PR-Anbietern das Nachsehen hat. Dem ist nicht so! Wir haben die Frage 4 oder 5-mal drehen müssen, weil meine Antwort dem Monitor-Team immer zu lang war. Es fehlt der Zusatz, dass die Wikipedia-Community solche Manipulationen quasi immer aufdeckt oder zumindest die Ergebnisse zeitnah löscht. Richtig gut gemachte Manipulationskampagnen sind eine absolute Minderheit! Meine Antwort bezieht sich also nur auf die verschwindend geringe Menge hochwertige Manipulationen. Das war der Redaktion bekannt, kommt in der Sendung aber so nicht rüber.

Die Aussage, dass ich viele Wikipedia-Accounts habe, ist korrekt. Die Erklärung dazu findet sich weiter oben im Abschnitt zum Unterbringen von Quellen-Links und Anlegen von Artikeln. Durch den Schnitt von der Aussage des Sprechers zu meiner Antwort, in der ich wieder die Formulierung "man" benutze und nicht von mir spreche, wird der Eindruck erweckt, dass ich diese Accounts benutzen würde um Abstimmungen in großem Stil zu manipulieren. Dem ist nicht so! Die Zahl von 20-50 Accounts für eine einzige Diskussion ist natürlich eine Übertreibung. Eine so große Zahl wäre viel zu auffällig und kontraproduktiv!

Ich halte den Monitor-Beitrag für stärker manipuliert als jeden Wikipedia-Artikel.
Ich halte den Monitor-Beitrag für stärker manipuliert als jeden Wikipedia-Artikel.

Reaktionen

Offensichtlich haben viele Menschen noch nichts von Gerichtsbeschlüssen zur Rausgabe von IP-Adressen gehört. Ein Fakename auf Facebook ist keine Anonymität! Hier mal ein Beispiel:

Fazit

Es war nicht das erste Mal, dass ich mit Journalisten zum Thema Wikipedia zusammengearbeitet habe. In den letzten 6 Jahren waren das unter anderem Shift in der Deutschen Welle, ZAPP im NDR, Westpol im WDR, die Saarbrücker Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Dabei hatte ich immer das Gefühl, für Aufklärung zu sorgen.

Diesmal war es anders. Monitor hat meine Aussagen so zusammengeschnitten, dass sie die Geschichte unterstützen, die Monitor erzählen wollte. Ob mangelndes Verständnis für das Thema oder die Gier nach Sensation der Grund dafür war, weiß ich nicht. Ich persönlich habe aus der Erfahrung viel gelernt. Insbesondere, dass selbst den öffentlich rechtlichen Sendern nicht mehr zu trauen ist. Schade!

Einige dieser Auftritte sind unter www.maltelandwehr.de/#Medien verlinkt.